Rituale und Aberglaube am Theater

Theaterhäuser sind wunderbare Orte mit jahrhundertelanger Tradition. Das Schauspiel ist eine der ältesten Tätigkeiten der Welt. Kein Wunder also, dass sich hier in all der Zeit allerlei Rituale etabliert haben, die auch heute nicht mehr wegzudenken sind. Und obwohl Theaterleute gemeinhin doch als sehr weltoffen gelten und mancher es ihnen nicht zutrauen würde, spielt vor allem Aberglaube an den meisten Häusern eine große Rolle. Ob wirklich alle Menschen, die im Theater arbeiten, abergläubisch sind, wage ich allerdings stark zu bezweifeln. Die meisten dieser Regeln sind einfach über die Jahrhunderte so fest verankert, dass man sie auch heute nicht bricht. Sie gehören, wie gesagt, zu dieser Tradition der darstellenden Künste einfach dazu. Und hinter manchen stecken so tolle Geschichte, die es einfach lohnt, zu erzählen.

Ein paar der schönsten, merkwürdigsten und lustigsten habe ich euch hier zusammengeschrieben. Damit euch bloß kein Missgeschick passiert, solltet ihr mal hinter den Kulissen arbeiten.

Bühne Volkstheater
Das große Haus des Wiener Volkstheaters

Verbote

  1. Laufe niemals fröhlich ein Liedchen pfeifend über die Bühne!

Es gibt zwei Erklärungen, wo dieses Verbot herkommt. Die erste (und wahrscheinlichere) ist die, dass die Theater früher noch mit Gaslampen beleuchtet wurden. Hörte man irgendwo ein Pfeifen, hieß das, eine Gasleitung leckte und das hieß wiederum: größte Gefahr!

Die zweite Erklärung (und wie ich finde, viel witzigere) ist die, dass früher vor allem Seeleute und Hafenarbeiter im Schnürboden gearbeitet haben, da die schwindelfrei waren. Anstatt sich Befehle zuzurufen, haben sie sich aber durch Pfeifen verständigt. Lief jetzt jemand pfeifend über die Bühne unter ihnen, störte er damit die Kommunikation und alles endete im Chaos.

 

  1. Trage auf der Bühne niemals deinen eigenen Mantel, Hut oder Schmuck!

  2. Iss niemals auf der Bühne, es sei denn es gehört zur Szene.

Beide Verbote bestehen aus Respekt vor der „heiligen“ Bühne.

 

  1. Nenne niemals in Bühnennähe den Namen „Macbeth“!

Ehrerbietig wird immer nur von „Diesem schottischen Stück“ gesprochen und der namensgebende Protagonist ist „der schottische König“. Wer den Namen laut ausspricht, läuft Gefahr die Geister der drei Hexen aus ebenjenem Stück zu beschwören. Noch gefährlicher ist es allerdings, direkt aus der Hexenszene zu zitieren. Dann ist die Aufführung sowieso zum Scheitern verurteilt.

Woher aber kommt diese Panik? Nun ja, die Aufführungsgeschichte Shakespeare’s Stück sprich Bände:

„Während der Uraufführung starb der Knabe, der Lady Macbeth spielte, hinter der Bühne und Shakespeare musste die Rolle selbst übernehmen. In Amsterdam wurde der Requisitendolch mit einem echten verwechselt und bescherte dem Publikum eine schockierend realistische Sterbeszene. Diana Wynyard schlafwandelte als Lady Macbeth über die Bühnenkante und 4,5m in die Tiefe. In New York löste das Stück Krawalle aus, die als Astor Place Riot in die Geschichte eingingen. Grund waren zwei konkurrierende Schauspieler, die zeitgleich in der Titelrolle an unterschiedlichen Theatern zu sehen waren. Ein aufgebrachter Mob protestierte gegen den britischen Kollegen vor dem Astor Place Opera House und demolierte solange das Theater, bis die Nationalgarde einschritt, fast 30 Menschen starben. Am Old Vic wurde Macbeth-Darsteller Laurence Olivier beinahe von einem herabfallenden Gewicht erschlagen und die Theaterleiterin Lilian Baylis verschied einen Tag vor der Premiere. Noch schlimmer erging es der Inszenierung von John Gielgud, bei der drei Schauspieler ums Leben kamen und der Kostümbildner nach der Premiere Selbstmord beging (über die Gründe kann nur spekuliert werden). Nur wenig später erlitt Schauspieler Harold Norman in Manchester eine tödliche Stichwunde auf der Bühne, laut Eigenaussage gab er nichts auf den Aberglauben. Glimpflicher kam Regisseur und Zweifler Peter Hall davon, er bekam lediglich eine Gürtelrose und musste die Premiere verschieben.“
(Aus dem Theater Magazin 02/2018)

 

Theaterhaus Kaiserslautern
Das Pfalztheater Kaiserslautern

Vorsichtsmaßnahmen bei den Requisiten

  1. Keine echten Spiegel auf der Bühne

Auch hier gibt es wieder zwei Erklärungen: eine praktische und eine mystische. Die praktische Erklärung ist ganz naheliegend, Reflexionen von Scheinwerfern, Publikum und dem nicht sichtbaren Bühnenbereich sollen einfach vermieden werden. Die mystische Erklärung lautet folgendermaßen: Sieht man in den Spiegel hinein und es steht noch eine Person dazwischen, der man über die Schulter und den Spiegel in die Augen sehen kann, ist diese Person vom Unglück betroffen. Logisch.

 

  1. Keine Stricknadeln auf der Bühne

Zum einen auch hier wieder eine ganz praktische Erklärung: Auf herumliegenden Stricknadeln kann man ausrutschen und sich den Hals brechen, außerdem können sie sich in Kostümen verheddern. Zum anderen gibt es aber auch die – meiner Meinung nach viel schönere – Variante, dass die Schicksalsgöttinnen mit den Nadeln ein Netz produzieren könnten, in dem sich die ganze Produktion verfangen kann.

 

  1. Kommen Baby-Puppen zum Einsatz sollten diese immer mit dem Gesicht nach unten auf dem Requisitentisch gelagert werden.

In ihnen können nämlich poltergeistähnliche Kreaturen leben und durch die Augen der Puppen könnten sie entschlüpfen und so Unheil im Theater anrichten.

Wiener Burg
Das Burgtheater in Wien

Glückwünsche

  1. Man wünscht sich vor einer Aufführung niemals „Viel Glück“.

Stattdessen sagt man am Theater „Toi, toi, toi“, was eine Verballhornung des „Teufel, Teufel, Teufel“ ist. Die richtige Erwiderung darauf ist natürlich niemals „Danke“. Gar nichts zu sagen, ist allerdings auch falsch, angemessene Antworten sind „Hals- und Beinbruch“ oder „Wird schon schief gehen“.

 

  1. Über die Schulter spucken

Zum “Toi Toi Toi” spuckt man sich dreimal über die linke Schulter. Allerdings erst in vollständigem Kostüm und Maske. Alles andere bringt wieder Unglück.

 

Die Generalprobe

 

  1. Allgemein bekannt ist, dass eine schlechte Generalprobe Glück für die Premiere verheißt.

 

  1. Nach der Generalprobe wird niemals geklatscht. Denn das bringt Unglück.

 

  1. Der letzte Satz des Stücks sollte erst zur Premiere ausgesprochen werden. Das Stück bereits vorher zu vollenden, wäre ein Frevel.

(In der Praxis habe ich das allerdings auch schon anders erlebt.)

 

 

Ja, ich weiß, das sind eine Menge Regeln und Verbote. Und es ist nur eine Auswahl! Aber was tun, wenn man eine Regel gebrochen hat? Gibt es eine Möglichkeit das Unglück noch einmal abzuwenden? Ja, die gibt es:

 

Sollte dir aus Versehen der Name „Macbeth“ herausrutschen, solltest du schnellstmöglich das Theater verlassen, drei Mal um das Gebäude herumlaufen und dann wieder höflichst bei den Theatergeistern um Einlass bitten. Wenn es nicht möglich ist, um das Gebäude herumzulaufen, tut es auch eine dreimalige Drehung um die eigene Achse. Ach ja und drei Mal auf Holz klopfen kann auch nicht schaden.

Solltest du jemandem Glück gewünscht oder dich für ein „Toi Toi Toi“ bedankt haben, kannst du ebenfalls auf die oben beschriebenen Mittel zurückgreifen. ODER – und das ist mein Favorit – du rezitierst Pucks Schlussmonolog aus Shakespeares Sommernachtstraum. Damit versöhnst du die Geister wieder. Also hier, für alle Fälle:

 

Wenn wir Schatten euch beleidigt,
denkt nur dies – und wohl verteidigt
sind wir dann. Ihr alle schier
habet nur geschlummert hier
und geschaut in Nachtgesichten
eures eignes Hirnes Dichten.
Wollt ihr diesen Kindertand,
der wie leere Träume schwand,
werte Herrn, nicht gar verschmähen,
sollt ihr bald was Bessres sehn.
Da ich Puck und ehrlich bin,
nehmen wir euren Dank jetzt hin,
wenn wir bösen Schlangenzischen
damit glücklich könn’ entwischen.
Sonst will Puck ein Lügner sein!
Nun gut Nacht! – Doch haltet ein:
Klatscht erst Beifall unserm Stück!
Dann bringt Puck euch nichts als Glück.

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Studium Theaterwissenschaft

Wenn mich Leute fragen, was ich studiere, und ich ihnen dann erkläre, dass ich meinen Bachelor in Germanistik abgeschlossen habe und jetzt einen Master in Theaterwissenschaft mache, schaue ich meistens erstmal in ratlose Gesichter. Zwei Fragen kommen dann in der Regel sofort:

  1. Was lernt man da?
  2. Was macht man später damit?

Eine dritte – bzw. vierte – Frage steht dann aber oft unausgesprochen im Raum, die nie jemand direkt stellen würde, die ich den meisten Leuten aber vom Gesicht ablesen kann: „Wozu braucht man sowas denn überhaupt? Wieso lernst du nichts Vernünftiges?“

Diese drei Fragen werde ich in diesem Beitrag versuchen, zufriedenstellend zu beantworten. Ja, alle drei.

 

Was lernt man in einem theaterwissenschaftlichen Studium?

Da in der breiten Masse tatsächlich wenig Menschen direkte Berührungspunkte mit dem Theater haben, denken viele als erstes ans Schauspiel. Wer mich kennt, weiß, dass es ungefähr das Letzte wäre, was ich freiwillig tun würde, mich auf eine Bühne zu stellen und vor Publikum zu spielen.

Was lernt man also, wenn nicht schauspielern? Unser Fach ist eigentlich sehr weit gefächert, weiter, als die meisten vermuten würden. Wir lernen zum einen Theatergeschichte: welche Traditionen gibt es? Wann haben Menschen angefangen, Theater zu spielen? Wie haben sich Schauspiel- oder Bühnentechniken seit den Anfängen verändert? Welche Theaterformen gibt es noch in anderen Kulturen?

Außerdem lernen wir natürlich etwas über Theorien. Ich werde hier kein Namedropping betreiben, weil das die wenigsten interessiert, aber es geht in den Unterrichtsinhalten um große Namen der Theatergeschichte, die verschiedene Theorien aufgestellt haben, nach welchen Maßstäben Theater stattfinden sollte. Dementsprechend hängen Theatergeschichte und die Beschäftigung mit den verschiedenen Theorien natürlich auch eng zusammen.

Es geht aber auch ganz konkret darum, wie man sich Inszenierungen anschaut, wie man sie in ihre verschiedenen Bestandteile zerlegen und analysieren kann. Hier geht es also weg von Texten und Büchern und es wird erst richtig spaßig – oder verwirrend vor allem bei der Beschäftigung mit zeitgenössischem Theater. Theatrale Inszenierungen bestehen einfach aus so vielen verschiedenen Elementen, dass ich persönlich es wahnsinnig spannend finde, diese Einzelteile auseinanderzunehmen.

Und es wird noch praktischer. Ich weiß nicht, wie andere Unis das handhaben, bei uns jedenfalls gibt es einen großen praktischen Anteil. Das heißt zum einen, dass wir Schreibkompetenz jenseits des Wissenschaftlichen lernen. Also beispielsweise Kritiken verfassen oder eigene Szenen oder kleine Stücke schreiben.

Zum anderen – und damit sind wir wieder beim Anfang – haben wir die Möglichkeit in einem Seminar unsere Schauspielfähigkeiten zu erproben. Das habe ich noch vor mir und hab mich immer noch nicht entschieden, ob ich mich darauf freue oder Angst davor habe.

 

Was macht man später damit?

Es gibt unzählige Berufe in und am Theater, die nichts mit Schauspiel zu tun haben. Wir werden an der Uni wohl nicht dafür ausgebildet, um Bühnen- oder Kostümbildner zu werden, aber dennoch gibt es einige Möglichkeiten. Kurz gefasst erkläre ich Leuten, die mich danach fragen immer, dass das Studium auf eine „künstlerische Leitungsposition“ hinführen soll. Das ist natürlich immer noch sehr vage, zugegeben. Darunter fällt zum Beispiel die Intendanz eines Theaters (in der Wirtschaft würde man vermutlich CEO sagen) oder Dramaturgie. Letzteres ist bisher mein zukünftiger Plan. Die Arbeitsbereiche eines Dramaturgen sind je nach Größe des Hauses unterschiedlich breit gefächert. Grundsätzlich ist ein Dramaturg aber ein Textmensch. Er schreibt Programme, Begleithefte, manchmal auch Pressemitteilungen. Er recherchiert Hintergrundinformationen zu Stücken, ist beteiligt an der Überarbeitung der Texte für Inszenierungen und und und … In meinem Kopf aktuell genau das, worauf ich Lust habe. Ob sich das bewahrheitet, werde ich im Sommer rausfinden, wenn ich ein Praktikum in diesem Bereich mache.

Abgesehen von diesen „künstlerischen Leitungspositionen“, wie ich sie nenne, gibt es aber auch noch andere Berufsfelder. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Kritiker, Kulturmanagement, Festivalorganisation … mit ein bisschen Fantasie kann man in eigentlich jedem kulturellen Bereich Fuß fassen.

 

Wieso lernst du nichts Vernünftiges?

Naja, die simple Antwort hierauf ist: „Weil ich das, was vom Gros der Gesellschaft als ‚sinnvoll‘ angesehen wird, einfach nicht kann, nicht verstehe oder schlicht langweilig finde.“ Ich kann kein Ingenieurwesen studieren, weil ich eine technische Niete bin. Ich will kein Jura studieren, weil ich keine Lust habe, ewig Paragraphen auswendig zu lernen. Ich habe null ökonomisches Verständnis und wäre in BWL daher vollkommen aufgeschmissen. Ich habe mein Studium aufgrund des einen simplen Aspekts gewählt, dass es mir Spaß macht. Nicht danach, wie viel Geld ich später verdienen kann, nicht danach, wie hoch die Jobchancen sind. Wenn ich daran denke, dass ich diesen Job (welcher es dann auch immer sein wird) aller Wahrscheinlichkeit nach für den Rest meines Lebens ausüben werde, will ich mich nicht jeden Morgen quälen müssen, aufzustehen. Das ist das Eine.

Das Andere ist, dass Theater oder Kultur im Allgemeinen meiner Meinung nach nichts „Sinnloses“ oder „nicht Vernünftiges“ ist. Kultur ist ein gesellschaftliches Allgemeingut und deswegen wichtig.

Theater kann Gesellschaften einen Spiegel vorhalten, sie kritisieren, sie an den Pranger stellen. Es ist aber auch Unterhaltung (ich gebe zu, dass viele Theatermenschen das oft vergessen, aber ich denke, das ist elementar, wenn wir die Menschen nicht verschrecken wollen), Auszeit vom Alltag, ein gemeinsames und gleichzeitig doch individuelles Erlebnis. Es ist auf jeden Fall etwas, das nicht verloren gehen darf, nur weil heutzutage alles effizient und zielorientiert sein muss. Alles muss einem Zweck dienen, einen Mehrwert bringen und am besten gleichzeitig bio, fairtrade und digital sein. Macht doch einfach mal was, weil es schön ist! Für die Ästhetik und nicht für den Profit. Ich denke, jeder von uns kann ein bisschen mehr Schönheit in seinem Leben vertragen – und wenn ich dafür sorgen kann, umso besser. 

 

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