Gendern – ja, nein, vielleicht?

Vor einigen Monaten stieß ich in einer Bloggergruppe auf Facebook auf eine Diskussion. Jemand hatte die Frage gestellt, wie andere das Thema „Gendern in Blogbeiträgen“ handhaben würden. Die Reaktion: Fast alle antworteten, dass sie in ihren Beiträgen nie gendern würden, da es ja klar sei, dass mit der männlichen Form immer alle mitgemeint sind und überhaupt, wäre das viel zu viel Aufwand und auch ziemlich nervig beim Lesen.

Ich muss es sagen, wie es ist: Ich war sehr entsetzt. Vor allem, weil die Diskussion fast ausschließlich von Bloggerinnen geführt wurde.

Ich kann die Gründe zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Es ist immer noch in vielen Bereich ungewohnt, Texte zu lesen, in denen ständig mit Sternchen oder Binnen-I gearbeitet wird. Und ja, das kann anfangs störend wirken. Aber desto mehr, diese Praxis umgesetzt wird, desto mehr gewöhnen sich Leserinnen und Leser daran.
Und ist es für mich persönlich jetzt aufwendiger in meinen Texten zu gendern? Eigentlich nicht wirklich. Sorry, aber das ist eine faule Ausrede. Und zwar faul im wahrsten Sinne des Wortes.

Gendern? Ja, bitte!

Dass so viele Frauen – die ja bekanntlich das Gros der Bloggerszene ausmachen – ihr eigenes Geschlecht in ihren Beiträgen nicht sichtbar machen wollen, das erschreckt mich ehrlich gesagt sehr.

Sprache erzeugt Wirklichkeit

Unsere Sprache ist nicht einfach nur eine Abbildung unserer Welt. Und Sprache ist auch nicht einfach nur das, was wir denken. Vielmehr ist es umgekehrt: Unser Denken wird durch die Sprache beeinflusst. Sprache bringt Wirklichkeit hervor.

Wie wir Dinge benennen, steuert die Art und Weise, wie wir darüber denken. Und deswegen ist es absolut nicht egal, dass die männliche Form in der deutschen Grammatik – das sogenannte „generische Maskulinum“ – sowohl für Männer als auch für Frauen stellvertretend steht. Denn damit wird ein Denken befördert, in dem der Mann auch in anderen Bereichen stellvertretend für die Frau eintritt, bzw. in dem Frauen einfach nicht vorkommen. Die Frau wird – wie man so schön sagt – “mitgedacht”. Wow, danke! Ich möchte aber nicht MITgedacht werden, sondern als Individuum GEDACHT. Wie wollen wir Frauen gesellschaftlich sichtbarer machen, wenn wir nicht einmal Willens sind, sie in unserer Sprache sichtbar zu machen?

(Aus ähnlichen Gründen ist es im Übrigen auch nicht egal, ob wir die Süßigkeit „Mohrenkopf“ oder „Schokokuss“ nennen. Obwohl ich eigentlich hoffe, dass das im Jahr 2020 jedem klar ist.)

Mehr Sprachsensibilität bei BloggerInnen

Ich wünsche mir, dass gerade in einer Szene, die zum Einen so sehr von Frauen dominiert ist und zum Anderen auf auch Texten basiert, mehr Sensibilität für unsere Sprache und ihren Einfluss Einzug hält. In derselben Diskussion, die ich zu Anfang erwähnt habe, kam auch das Argument, dass es doch wohl größere Probleme gäbe und wenn jemand wirklich der Meinung ist, wir seien noch nicht vollständig gleichberechtigt, dann sind andere Stellschrauben doch viel wichtiger, als die Sprache.

Falsch! Natürlich ist es wichtig, dass Frauen und Männer endlich überall und ohne Ausnahmen das gleiche Gehalt für die gleiche Arbeit bekommen. Natürlich ist es wichtig, dass Frauen bei Einstellungsverfahren nicht wegen ihrer Gebärfähigkeit diskriminiert werden. Aber das alles muss im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert werden. Und das schaffen wir nur durch eine gleichberechtige Wahrnehmung – die vor allem durch Sprache gesteuert wird.

Leserfreundlich gendern

Und damit vielleicht mehr BloggerInnen, sich trauen ihre Beiträge zu gendern, ohne Angst, LeserInnen zu vergraulen – kommen hier jetzt ein paar Tipps, wie ihr das geschickt umsetzen könnt.

(Kleiner Disclaimer am Rande: Wenn jemand meinen Blog nicht mehr lesen möchte, weil ich eine geschlechtergerechte Sprache benutze, dann kann ich auf ihn oder sie auch gut verzichten. Diese Einstellung würde ich mir auch häufiger wünschen.)

Ausschreiben

Am unkompliziertesten ist es natürlich, immer alle Formen auszuschreiben. Da müsst ihr nämlich nicht besonders viel drüber nachdenken, wie das jetzt richtig ist. Also einfach: „Leser und Leserinnen“. Je nachdem wie oft ihr das in eurem Text machen müsst, erhöht das natürlich die Länge um einiges.

Partizipialform

An vielen Stellen ist es eine gute Lösung die Partizipialform zu verwenden. Aus Studenten und Studentinnen werden dann „Studierende“. Aus Leserinnen und Lesern werden „Lesende“. Zugegeben, diese Form hört sich nicht für alle Gruppen gleich gut. So sind „Studierende“ inzwischen sehr häufig in Ansprachen und offiziellen Texten anzutreffen, „Lesende“ ist dagegen nicht unbedingt elegant als Ansprache.

Binnen-I

Wie man vielleicht beim Lesen gemerkt hat, ist das Binnen-I meine liebste Form des Genders. An die männliche Form wird einfach ohne Leerzeichen oder sonstige Satzzeichen die weibliche Form mit großem I angehängt: „LeserInnen“. Meiner Meinung nach stört das den Lesefluss überhaupt nicht und geht auch beim Schreiben leicht von der Hand.

Sternchen, Schrägstriche und andere Sonderzeichen

Diese Formen gefallen mir persönlich nicht so gut, weil die zusätzlichen Zeichen tatsächlich ziemlich stören können im Textfluss. Deswegen würde ich bei Pluralformen immer zu einer der drei vorigen Formen greifen. Bei Singular-Formen kommt man aber manchmal nicht drum herum. Wenn ich von einer einzelnen Person stellvertretend für eine ganze Gruppe spreche, z.B.: „der/die Leser/in“, „der*die Leser*in“; manchmal werden auch Unterstriche oder sonstige Sonderzeichen genutzt. Im Prinzip sind der Fantasie hier gar keine Grenzen gesetzt.
Man kann diese Form natürlich z.B. mit dem Binnen-I verbinden: „der/die LeserIn“, was ich immer noch eleganter finde als einen Wust an Schrägstrichen. Wie gesagt, großer Binnen-I-Fan.

Schild: I just had Sexism

Für welche Form ihr euch auch immer entscheidet – Hauptsache ist, ihr fangt an, euch Gedanken darüber zu machen, welche Macht unsere Sprache in Bezug auf unser Denken hat und das heißt: ihr fangt an, eure Blogbeiträge zu gendern. Bitte.

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