Hello again – von Auszeiten und kleinen Glücksmomenten

Schneelandschaft

„Welche Eigenschaft ist dir heute besonders positiv an mir aufgefallen?“

Die Frage stammt aus einem Pärchen-Kartenspiel, dass ich M. letztes Jahr zu Ostern geschenkt habe. Es soll zu Gesprächen anregen und die Partner*innen sich so besser kennenlernen. Ostern … auch schon wieder fast ein Jahr her. Keine Ahnung, was mit der Zeit kaputt ist, seit diese Pandemie ausgebrochen ist. Nichts passiert, aber die Wochen und Monate rasen vorbei. Zumindest in meinem Universum.

Aber zurück zur Frage.

Ich habe die Karte inzwischen auf den Stapel mit den bereits gespielten Karten gelegt und schaue M. erwartungsvoll an. Der denkt kurz nach und sagt dann: „Dass du dich für kleine Dinge so sehr begeistern kannst. Als wir heute Mittag spazieren waren, hast du dich so über den Schnee gefreut und die Sonne. Das fand ich total schön.“

Ja, verrückt eigentlich. In den letzten Monaten ist es mir so schwergefallen, mich überhaupt an irgendwas zu erfreuen, aber wie letzte Woche die dicke Schneedecke im strahlenden Sonnenschein geglitzert hat, wie der Schnee unter unseren Schuhsohlen geknirscht hat und wie ich trotz Sonne in der kalten Luft meine Finger bald nicht mehr spüren konnte – das hat mich glücklich gemacht.
Genauso, wie die Trockenblumen, die ich mir vor ein paar Wochen selbst geschenkt habe und die jetzt das Wohnzimmer zieren: jedes Mal, wenn ich sie ansehe, macht das meinen Tag ein bisschen besser. Oder dass ich jetzt gerade hier sitze, mit einem Glas Weißwein, Tom Grennan höre und diesen Text schreibe – auch das macht mich glücklich.

Was ich verstanden habe in den letzten Wochen, Monaten, nein, was ich immer noch am verstehen bin, ist Folgendes: dass ich die kleinen Glücksmomente sammeln muss. Denn das schwarze Loch, kommt früh genug. Und es kommt ganz sicher.

Und damit sind wir bei dem Grund, warum hier so lange nichts passiert ist: weil ich nicht wusste, wie es weitergeht. Mit diesem Blog, aber vor allem ganz generell mit mir, mit meinem Leben. Wer will ich sein? Wo will ich das sein? Und mit wem? Was ist mir wirklich wichtig? Und wofür will ich keine Energie mehr aufwenden? To be honest: Ich weiß es immer noch nicht. Und deswegen werde ich an dieser Stelle auch nicht versprechen, dass hier jetzt wieder regelmäßig einmal pro Woche Beiträge online kommen werden. Gerade habe ich Lust, das hier einfach als Art Tagebuch zu nutzen. Zum einen, weil ich meinen Gedanken hin und wieder Luft machen muss. Zum anderen, weil ich mich im letzten Jahr oft sehr allein gefühlt habe. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die einzige Person bin, der es so geht, wie mir. Deswegen möchte ich darüber reden und vielleicht fühlt sich jemand angesprochen.

Aber wie geht es mir eigentlich? Und warum?
Well … die letzten anderthalb Jahren have been a ride. (Hatte ich schon erwähnt, dass dies kein Blog ist für Menschen, die Probleme mit Anglizismen haben?) Die Anfangsphase dieses Blogs zeugt noch von meinem Master-Studium. Theaterwissenschaft war’s und es hat so viel Spaß gemacht. Die Seminare haben Spaß gemacht, das ewige in der Bibliotheksitzen, die Praktika. Alles daran hat einfach Spaß gemacht und ich war gut darin. Und wie es danach weitergehen sollte, war für mich völlig klar. Deswegen hab ich auch bereits zu Beginn meines letzten Semesters hochmotiviert damit angefangen, Bewerbungen zu verschicken. Wurde sogar schnell zu verschiedenen Vorstellungsgesprächen eingeladen. Wow, das läuft echt wie geschmiert alles. Ich hab mir schon vorgestellt, wie ich ab September 2019 in einem Büro sitze und meinen Traumjob machen kann.

Und dann kamen die Absagen. Erst eine, dann die zweite, bald die dritte. Irgendwann waren es so viele, dass ich aufgehört habe, zu zählen. Als ich es im Dezember 2019 doch nochmal gemacht habe, kam ich auf über 100 Bewerbungen, die ich geschrieben hatte, bei einem Viertel davon hatte ich mich persönlich vorgestellt. Und keine einzige positive Antwort. Autsch. Ok, jetzt an alle, die mir Bewerbungstipps geben wollen: I don’t need them. Denn ich hatte sie schon alle. Ich weiß sehr gut, was gut läuft bei mir und was nicht. Was nicht gut läuft, sind z. B. persönliche Gespräche, weil ich nicht in der Lage bin, mich als Person und als Arbeitskraft zu verkaufen. Weil ich zu schüchtern, zu zurückhaltend und zu nervös bin. Und das war eins der ersten Dinge, an denen ich gearbeitet hab. Mit gestärktem Selbstbewusstsein und perfekt vorbereitet ging es also in die nächsten Gespräche. Immer noch nichts. Und dein Selbstbewusstsein kann das größte und beste der Welt sein – wenn du ausschließlich Absagen von potentiellen Arbeitgebern bekommst, dann wird auch dein Selbstbewusstsein irgendwann ganz unten am Boden rumkriechen. Und letztendlich ist das wiederum nicht hilfreich.

Zusammengefasst: ich war gefrustet, verzweifelt, komplett verunsichert, ob ich überhaupt wusste, wer ich bin und was ich gut kann – und letztendlich ein Jahr lang arbeitslos.

Parallel kam Corona nach Europa und nach Deutschland und was soll ich sagen … geholfen hat das definitiv nicht. Die einzige Zusage, die ich in den letzten 24 Monaten bekommen habe, seit ich Bewerbungen schreibe, war die für ein Freiwilliges Soziales Jahr. Das mache ich jetzt seit September. Ganz ehrlich? Dafür hab ich mich geschämt. Und tue es heute noch manchmal. Denn wer braucht denn bitte nach einem erfolgreichen Master-Studium noch ein FSJ?! Wer lässt sich denn mit so einem Bildungsabschluss dazu herab, für unter 400 Euro im Monat zu arbeiten? Ist das nicht peinlich? Aber es ist besser, als noch ein Jahr zu Hause rumzusitzen, ganz ohne Arbeit und vor allem: ohne das Gefühl, für irgendwas gut zu sein.

Letztendlich beweist mir das, was ich jetzt mache, einfach nur erneut, dass ich durchaus auf dem richtigen Weg bin. Denn ich bin gut in dem, was ich mache, und ich mache es gerne. Was mir fehlt, ist jemand, der der das sieht und mir eine Chance gibt.
Also fuhr ich ins Büro. Etwa zwei Monate lang hatte ich einen geregelten Tagesablauf, bin jeden Morgen aufgestandenhabe gearbeitet und bin abends wieder nach Hause. Hatte das Gefühl, etwas Nützliches zu tun, eine Aufgabe zu haben. In dieser Phase hat M. einmal zu mir gesagt: „Du lachst wieder viel mehr, das hab ich vermisst.“ Dann kam die zweite Welle und alles wurde ins Homeoffice verlegt. Und meine Stimmung machte eine rasante Talfahrt. Am Esstisch funktioniert das mit der Motivation irgendwie nicht so gut. Und dann fehlt auch einfach irgendwann der reale menschliche Kontakt.

Naja, wenigstens hab ich einen „Job“ – in Anführungszeichen, weil ich mich bei dem Gehalt trotz allem oft weigere, das, was ich tue, wirklich so zu nennen. Alles ist temporär und irgendwann wird es besser. Das sagen sie gerade alle so. Aber was mir eben wirklich Angst macht, ist das, was kommt, wenn diese 12 Monate abgelaufen sind. Noch ist nichts in Aussicht. Im Gegenteil, die ersten Absagen sind schon wieder eingetrudelt und so langsam frag ich mich echt, was denn eigentlich erwartet wird, mit Mitte 20 schon 30 Jahre Berufserfahrung oder so.

Aktuell versuche ich einfach, mich nicht zu sehr runterziehen zu lassen. Jede schlechte Nachricht gibt einen Stich, tief drinnen. Je nach Tagesform kann ich ihn abschütteln oder versinke in einem Strudel aus negativen Emotionen. Aber eben, weil ich nicht weiß, wann der nächste Strudel kommt, konzentriere ich mich auf die kleinen Dinge. Wie den Schnee, der in der Sonne glitzert.

Und in dem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, singt Caspar: „Keine Angst, denn das was du hier fühlst, ist morgen vielleicht schon egal.“

Corona, Weltschmerz und wie ich damit umgehe

Es muss Ende Februar gewesen sein, als ich zum ersten Mal von diesem ominösen Virus hörte. Aber das war in China, so weit weg von meiner eigenen Realität, dass ich dem keine große Bedeutung beigemessen habe. Schon komisch, dass wir in einer so vernetzten Welt Leben – im Zeitalter der Globalisierung –, aber es uns trotzdem so wenig kümmern kann, was an ihrem anderen Ende passiert.

Bald sah ich im Supermarkt die ersten Menschen mit Masken einkaufen und dachte mir so: Naja, man kann es auch übertreiben. Alles Hypochonder, ist doch nicht schlimmer als eine Grippe. Und ich weiß, dass ich mit dieser Meinung nicht alleine war. Und dann kamen die Nachrichten aus Italien.

Und kurze Zeit später schnellten auch hier die Fallzahlen in die Höhe, was mir dann doch ein mulmiges Gefühl machte. Anfang März bin ich noch unbeschwert in den Zug gestiegen und 400km durch Deutschland gefahren, um meine Familie zu besuchen. Drei Tage später auf dem Rückweg war ich schon nicht mehr so unbeschwert. Denn obwohl ich beim Abschied noch sagte: Dann bis Ostern!, war mir irgendwie klar, dass es sehr viel länger dauern würde, bis wir uns wieder sehen.

Auf einmal ging alles so schnell. Veranstaltungen wurden abgesagt, erst ab 1000, dann ab 100 Personen und schließlich einfach komplett. Schulen geschlossen, Restaurants und Bars geschlossen, Geschäfte geschlossen. Das soziale Leben gefühlt von einem auf den anderen Tag lahmgelegt.

Ich war und bin in der privilegierten Situation, dass sich mein persönlicher und mein Arbeitsalltag kaum verändert hat durch all das. Dennoch waren die letzten Wochen oft anstrengend. Anfangs war da dieser Drang mehrmals täglich die Nachrichten zu checken, die neuesten Zahlen und Entwicklungen zu kennen. Welche neuen Einschränkungen gibt es? Haben wir schon neue Erkenntnisse, wie man das Virus bekämpfen kann?
Aber schon nach kurzer Zeit war mir klar, das funktioniert nicht. Jedes Mal, wenn ich mein Handy wieder zur Seite legte, war meine Laune schlechter. Und das Gefühl des Weltschmerzes, das für mich absolut nichts Neues ist, war erdrückender denn je. Ich machte mir Sorgen um meine Liebsten, aber auch um die Menschheit an sich. Wieso gibt es immer noch Menschen, die so ignorant und egoistisch sind und sich nicht an die Maßnahmen halten? Wieso vergessen wir bei dieser Krise wieder so viele? Kleine Unternehmen, Selbstständige, Künstler, Familien? (Wie gesagt, ich bin in einer absolut privilegierten Situation und ich habe nichts als Respekt für Eltern, die gerade Home Office, Kinderbetreuung und Unterricht irgendwie unter einen Hut kriegen müssen, ohne wahnsinnig zu werden.)
Und außerdem: Europas Außengrenzen. Ja, die meisten haben schon lange vorher die Augen verschlossen, vor dem, was da passiert, aber jetzt verschließen wir nicht einmal mehr die Augen, sondern wir drehen uns halt weg: Ist nicht mein Problem, ich hab gerade wichtigere Sorgen.

Weltschmerz ist ein „Gefühl der Trauer und schmerzhaft empfundener Melancholie, das jemand über seine eigene Unzulänglichkeit empfindet, die er zugleich als Teil der Unzulänglichkeit der Welt, der bestehenden Verhältnisse betrachtet.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Weltschmerz

Und genau dieses Gefühl überrollte mich jedes Mal, wenn ich mein Handy in die Hand nahm, um die Nachrichten zu checken. Und dazu kam die fehlende Möglichkeit der Ablenkung. Einfach irgendwo hingehen und abschalten war und ist nicht drin. Mich zu Hause mit irgendwas zu beschäftigen, lesen, malen, Serien schauen, klappte nur so mittelmäßig.
Ich habe die Maßnahmen immer befürwortet. Aber das Gefühl des Eingesperrt-Seins stellte sich trotzdem unweigerlich ein.

Gleichzeitig hatte ich aber immer das Gefühl, nicht in der Position zu sein, jammern zu dürfen. Es gibt so viele, die es viel, viel härter getroffen hat. Wie oben schon gesagt, bin ich in einer privilegierten Situation – wer bin ich, dass ich mich beklagen darf?

Aber objektiv betrachtet: Nur weil, es anderen auch schlecht geht oder sogar schlechter, heißt das ja nicht, dass es mir automatisch besser geht. Also habe ich begonnen, meine Gefühle zu akzeptieren – und gezielt Bewältigungsmechanismen zu finden.

Sport und Bewegung an der frischen Luft

Regelmäßige Bewegung und vor allem wenigstens einmal am Tag das Haus verlassen, um ein bisschen frische Luft zu tanken, hebt meine Laune enorm. Es ist schon was dran, dass Sport Endorphine ausschüttet. Ich habe vor ein paar Wochen sogar wieder angefangen, zu joggen – und wer mich kennt, weiß, dass ich das eigentlich immer gehasst habe. Aber gerade tut es mir sehr gut. Genauso wie Homeworkouts und ausgiebige Yoga-Sessions.

Kochen und Backen

Kuchen oder Brot backen, ein neues Rezept ausprobieren oder das Lieblingsrezept mal wieder kochen – in der Küche habe ich das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle zu haben und beeinflussen zu können.

Weinen

Wenn die Gefühle zu viel werden – und das passiert immer noch sehr häufig –, dann lasse ich sie zu. Mich einmal ordentlich auszuweinen und alles rauszulassen, hilft total. Danach geht es mir meistens (wenigstens ein bisschen) besser.

Schreiben

Ganz oft habe ich das Gefühl, dass die Gedanken in meinen Kopf keine Ruhe geben können und dass ein und der selbe Gedanke immer und immer wieder seine Runden dreht. Dann schreibe ich diesen Gedanken auf. Und damit ist er aus meinem Kopf raus. Also wer auch dieses Problem hat, vielleicht probiert ihr das auch mal aus.


Es ist noch nicht vorbei

Auch wenn wir gerade wieder alle versuchen in das normale Leben zurückzukehren – es ist noch nicht vorbei, da bin ich mir ziemlich sicher. Erstens finde ich nicht, dass wir überhaupt wieder zu dem “normal” zurückkehren sollten, das wir vorher hatten. Denn unser Verhalten und unser Umgang mit unserer (Um)Welt hat uns überhaupt erst in diese Situation gebracht. Ich hoffe inständig, dass wir etwas aus dieser Erfahrung lernen werden.
Zweitens betrachte ich die Lockerungen mit Sorgen. Ja, auch ich werde demnächst mal wieder ein Restaurant besuchen. Denn das kann ich gerade tun, um andere zu unterstützen. Und uns gegenseitig zu unterstützen, ist wohl das Wichtigste im Moment. Aber ich habe Bedenken, dass wir zu früh wieder zu leichtsinnig werden, sodass in ein paar Wochen wieder alles von vorne los geht – und das will niemand von uns.

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