Ich gehöre zu den Menschen, die sich in kontroversen Diskussionen – sei das on- oder offline – meistens eher zurückhalten. Vor allem dann, wenn ich eine andere Meinung vertrete als meine GesprächpartnerInnen. Das hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass ich um jeden Preis gefallen will. Sondern eher mit einer Scheu vor Konfrontation und der Angst, meinen Standpunkt nicht ausreichend argumentieren zu können.

Gerade in der Familie oder im Freundeskreis denke ich oft – und ich weiß, dass es anderen genauso geht – naja, um des lieben Friedens Willen … ich sehe diese Person so selten, da kann ich jetzt doch keine Grundsatz-Diskussion anfangen. Vor allem in der Familie ist es außerdem oft so, dass man dann ja auch dem Rest zuliebe nichts sagt. Man will das (in einigen Fällen seltene) Zusammensein nicht stören und auch niemandem zumuten, sich im Nachhinein „Beschwerden“ über die Tochter, Enkelin etc. anhören zu müssen. Zumindest ist das bei mir so.

Und so sitze ich letzten Sommer mit familiärem Besuch im Garten meiner Eltern und höre Dinge wie: „Naja, wir hatten schon immer Kalt- und Heißzeiten. Jetzt ist es halt wieder ein paar Jahre wärme und irgendwann wird es auch wieder kälter werden.“ Und dann atme ich tief durch, schreie innerlich laut auf und sage … nichts.

Oder ich gehe mit einer Gruppe Bekannter durch die Stadt, einer von ihnen schaut einem jungen Mädchen hinterher und sagt: „Die sitzt da und wartet, dass sie jemand anmacht. Guck mal, wie die sich aufgeb**cht hat.“ Ich presse die Kiefer aufeinander und tue so, als hätte ich nichts gehört.

Oder als ich mich eigentlich monatelang vegetarisch ernährt habe, aber an den Wochenenden dann immer wieder Fleisch gegessen habe, weil ich wusste, dass verschiedene Menschen in meinem Umfeld eine Diskussion sondergleichen darüber anfangen würden.

Diese Liste an Beispielen lässt sich noch ewig fortsetzen. Und im Nachhinein bin ich nicht stolz darauf.

Die letzten Wochen und Monate waren, was die Debattenkultur angeht, … sagen wir sehr intensiv. Zunächst ist da nur das Virus und die politischen Maßnahmen der Eindämmung. Wo sich anfangs nur einzelne kleine Zweifel melden, bildet sich aber schnell großer Widerstand, Prominente nutzen ihre Stimme, um die krudesten Verschwörungstheorien zu verbreiten und sie finden Anhänger. Als sich endlich wieder alles halbwegs anfängt zu normalisieren, wird ein Fleischhersteller zum neuen Superspreader, sorgt dafür dass ein ganze Landkreis von heute auf morgen in den totalen Lockdown versetzt wird und beklagt sich ernsthaft über die „existenzielle Krise“ seines Unternehmens …

Und dann der Mord an George Floyd in den USA, Proteste auf der ganzen Welt. Menschen die auf „Black lives matter“ antworten mit: „Nein, ALL lives matter!!“ Immer wieder der Verweis auf Privilegien, die man qua Geburt erhalten hat – oder eben nicht, und die Aufforderung sich dessen endlich mal bewusst zu werden.

Was noch? Achja, ein konservativer Jungpolitiker entpuppt sich als käuflich. Man verteidigt ihn mit eben jener Jugend, er hat doch eine zweite Chance verdient. Nur kurze Zeit später will unser Innenminister ein*e einzelne*n Kolumnist*in verklagen, weil Satire scheinbar doch nicht alles darf, zumindest dann nicht, wenn sie sich gegen die Polizei und damit gegen einen Staatsapparat richtet.

Holy moly … Einiges los hier und vor allem: so viele Kontroversen.

Black Lives Matter rüttelt auf

Vor allem die BLM-Bewegung hat mich bezüglich meiner Einstellung zum Thema Die eigene Meinung vertreten zum Nachdenken gebracht. Durch meine doch sehr links-grüne social media bubble war mir schon länger bewusst, dass Rassismus auch im 21. Jahrhundert immer noch ein Ding ist, dass ich als weiße hetero cis-Frau, noch dazu aus einem Akademiker-Haushalt, quasi einen Fünfer im Geburtenlotto hatte. (Ein Sechser wäre es, wenn ich als Mann auf die Welt gekommen wäre, sollte das jetzt nicht klar gewesen sein.) Und trotzdem war ich auf’s Neue bestürzt, mit welcher Gewalt und ja, mit welcher Selbstverständlichkeit Polizisten in den USA Schwarze Menschen behandeln. Und auch mein Reflex war: „Ja, die in den USA, die haben da ein echtes Problem mit Rassismus.“ Surprise! Auch hier in Deutschland gibt es rassistische Polizeigewalt, auch in Deutschland ist racial profiling ein Ding. Jetzt stehen (wieder, muss man sagen) Schwarze Menschen und PoC auf, weisen auf diese Umstände hin und prangern sie an – und man glaubt ihnen nicht? Was ist da eigentlich los? Anstatt, dass sich Behörden einfach mal anhören, was hier kritisiert wird, den Dingen nachgehen und prüfen, inwieweit, solche Beschuldigungen gerechtfertigt sind, werden jegliche Vorwürfe einfach weggeschoben. Nein, nein, bei uns gibt es sowas wie Rassismus nicht, das kann überhaupt nicht sein.

Und hier komme ich ins Spiel. Bzw. wir alle, die eine klare Meinung zu dieser und anderen Debatten haben. Auch ich als weiße Frau muss rassistische Missstände anprangern, wenn ich sie bemerke. Denn – und natürlich ist das Teil des Problems – mir hört man eher zu. BIPoC haben genug Bücher geschrieben, auf social media und analog aufgeklärt, warum gewisse Dinge nunmal rassistisch sind und im Jahr 2020 einfach nicht mehr ok sein sollten. Warum soll ich das N- oder das M-Wort nicht mehr benutzen? Warum ist Blackfacing so ein großes Problem und was ist eigentlich so verwerflich an der Frage nach der Herkunft einer Person? Es ist an jedem einzelnen von uns, sich aktiv weiterzubilden. Sehr zu empfehlen und vermutlich weiß es inzwischen jeder und jede, sind diese zwei Bücher:

Und im nächsten Schritt müssen wir selbst laut werden. Wenn uns rassistische Ausdrucksweisen in unserem Umfeld auffallen, müssen wir diejenigen darauf ansprechen und ihnen erklären, warum diese Dinge nicht in Ordnung sind. Anstatt einfach innerlich die Schultern zu zucken, denn „tangiert mich ja nicht persönlich“.

Es geht uns alle an

Denn am Ende tangiert es uns doch alle. Die großen Probleme auf dieser Welt – Rassismus, Sexismus, Flüchtlingsströme, Klimakrise – hängen im Kern nämlich alle zusammen.

Und aus diesem Grund ist mein persönlicher Vorsatz, ab sofort, meine Meinung kundzutun. Auch wenn ich Leute damit vor den Kopf stoße. Denn anders entsteht überhaupt keine Diskussion, nur so kann ich Menschen vielleicht auch einen Denkanstoß geben oder sie überzeugen. Natürlich wird das nicht immer funktionieren und erst recht wird das nicht immer leicht sein. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass es das wert ist.

Was ich so denke …

Und um das direkt mal zu üben, kommen hier meine Gedanken und Meinungen zu den Themen, die ich oben bereits angesprochen habe. Let’s go!

Verschwörungstheoretiker & Hygiene-Demos

Ein Virus stellt eine nicht greifbare Gefahr dar. Daher ist es nur verständlich, wenn man nach einer Erklärung sucht, irgendwie die „Kontrolle“ oder zumindest eine Illusion derselben behalten will. Aber dabei bitte den gesunden Menschenverstand einsetzen! Demonstrationen ohne Abstand und Masken während einer Pandemie? Nicht cool, Leute. Und mal ernsthaft: Eine Weltverschwörung initiiert von Bill Gates, bei der alle Regierungen UND die Presse eingeweiht sind und niemand hat auch nur ein Wort darüber verloren, niemals? Diese Selbstbeherrschung hätte ich den meisten nicht zugetraut.

Coronaausbruch bei Tönnies

Wer ernsthaft schockiert von den Arbeitsbedingungen und Hygiene-Zustände in einem Unternehmen wie Tönnies ist, dem kann wohl auch nicht mehr geholfen werden. Unter welchen Bedingungen die Fleischindustrie produziert ist, inzwischen doch ein offenes Geheimnis. Und von einem Unternehmer, der jährlich über 16 Mio. Schweine schlachten lässt, kann man auch nicht sonderlich viel Empathie erwarten. Tiere ausbeuten, rumänische Gastarbeiter ausbeuten, alles, um den Umsatz zu steigern. Und sich dann hinzustellen, nachdem man am erneuten Lockdown eines gesamten Landkreises schuld ist und damit daran, dass Menschen tatsächlich und wortwörtlich vor dem Nichts stehen, weil sie nicht mehr arbeiten können, und über die Krise seines Unternehmens zu jammern – das ist schon hochgradig dreist.

Rassismus & BLM

Oben schon viel zu gesagt, hier ein paar Schlagworte: Rassismus ist real. Rassismus gegen weiße gibt es nicht. Wer rassistische Tendenzen ignoriert oder sogar toleriert, ist Teil des Problems. Punkt. Bildet euch.

Philipp Amthor

Ehrlich gesagt überrascht mich das überhaupt nicht. Es war mir immer schleierhaft, wie man so jung und so konservativ sein kann und wie man mit unter 30 überhaupt freiwillig in die CDU eintritt. Dass bis auf einen Rüffel aber quasi nichts passiert und Amthor aufgrund seines Alters dennoch noch eine lange politische Karriere vor sich haben kann, ist allerdings genauso wenig überraschend. Alte weiße Männer stehen zu ihren jungen alten weißen Männern.

Seehofer vs. taz

Man mag über die taz-Kolumne denken was man will. Wenn ihr mich fragt: ich fand die Satire auch nicht lustig. Aber: In unserem Grundgesetz steht doch sowas von wegen Presse- und Meinungsfreiheit, oder? Faschisten dürfen unter dem Denkmantel eben dieser Freiheiten so gut wie alles sagen, aber wenn ein*e Journalist*in eine Satire über einen Staatsapparat schreibt, muss der Innenminister persönlich einschreiten und mit Klage drohen? WTF?!

Begründen tut er das damit, dass eine „Enthemmung der Worte“ zu einer „Enthemmung der Taten“ führen muss. Achso, ja. Und wer hat nochmal Dinge von sich gegeben wie, Migration sei die Mutter aller politischen Probleme und, dass man sich bis zur letzten Patrone gegen die Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme wehren wolle?
Mit Enthemmung der Worte kennt sich da jemand ziemlich gut aus, würde ich sagen.

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