Vor einiger Zeit wurde mir in meiner Timeline ein Artikel der ZEIT zum Thema Minimalismus angezeigt mit dem sehr paradoxen Titel „Verzicht muss man sich leisten können“. (Inzwischen ist der Artikel schon fast wieder einen Monat alt, ich bin also etwas spät zur Party.) Wie bei den meisten Personen, zieht so etwas auch bei mir und natürlich habe ich den Link geöffnet und diesen Meinungsbeitrag gelesen – um mich dann ziemlich aufzuregen.

Aber von Anfang an.

Was ist Minimalismus überhaupt? Laut Duden beschreibt Minimalismus die „bewusste Beschränkung auf ein Minimum, auf das Nötigste“.
Was den minimalistischen Lebensstil angeht, würde ich allerdings behaupten, dass das auch jede*r für sich persönlich auslegen und anpassen kann. Ich bin selbst keine Expertin und besitze meiner Meinung nach noch viel zu viel, aber ich arbeite immer mehr daran.

Ich persönlich würde Minimalismus daher an drei Eckpunkten festmachen:
Erstens ist es für mich ein Versuch, so wenig wie möglich und so viel wie nötig zu besitzen. Das heißt eben Dinge, die ich regelmäßig benutze und brauche, aber auch Dinge von besonderem emotionalem Wert. Nur weil ich meine liebsten Bücher aus der Kindheit im Regal stehen habe, obwohl ich sie nie wieder lesen werde, heißt das nicht, dass ich nicht minimalistisch lebe.
Zweitens bin ich der Meinung, dass man nicht sofort sein komplettes Leben auf Minimalismus umkrempeln muss – und wahrscheinlich auch gar nicht kann. Es ist auch möglich nur in einzelnen Bereichen minimalistisch zu leben. Z. B. mit einer minimalistischen Pflegeroutine oder einem minimalistischen Kleiderschrank.
Und drittens halte ich es für sinnvoll gerade wenn man minimalistischer – und damit oft auch nachhaltiger – leben möchte, bei Neuanschaffungen eher in qualitativ hochwertigere (und daher oft teurere) Dinge zu investieren, damit man lange etwas davon hat und nicht ständig nachkaufen muss.

Nun zum Artikel

Kardashian und Kondo – die Vorzeige-(Nicht-)Minimalistinnen?

Dieser beginnt mit einer Beschreibung von besonders reichen Menschen, die besonders wenig, aber dafür besonders teuren Kram besitzen und sich dann MinimalistIn nennen. Kim Kardashian ist bestimmt nicht das Paradebeispiel für eine Minimalistin, so wie die Autorin im Artikel aber ihre Wohnung beschreibt (und nur darauf kann ich mich beziehen, denn ich kenne die betreffende Doku nicht), trifft die Definition zu. Nur weil ihr Minimalismus also teuer und extravagant ist, ist es keiner? Das halte ich für wenigstens fragwürdig. Und glaubt mir, ich bin die Letzte, die Kim Kardashian in irgendeiner Weise in Schutz nehmen möchte.

Nächsts Beispiel ist Marie Kondo, die Königin des Aufräumens und der clear spaces and clear minds. Die hat jetzt einen Onlineshop, in dem man teuren Dekoramsch kaufen kann. Da muss ich der Autorin recht geben. Minimalistisch ist das absolut nicht. Aber auf der anderen Seite – wer will es ihr verdenken, dass die Frau eine Idee hatte, mit der sie Geld verdienen kann. Niemand zwingt euch, bei ihr einzukaufen.

Minimalismus: ein teurer Trend

Und dann geht es weiter …

„Das alles muss man sich leisten können, genau wie Yoga, Achtsamkeit, Clean-Eating […]“

Dieser Satz hat mich einfach wütend gemacht. Denn er ist Blödsinn! Yoga: Du brauchst kein teures Studio und keine fancy Yogaklamotten. Youtube-Videos und eine alte Jogginghose tun es auch wunderbar. Mit etwas Achtsamkeit durchs Leben gehen: kostet dich sage und schreibe 0€. Und Clean-Eating? Da gibt es ja verschiedene Definitionen, aber gehen wir mal davon aus, man will sich einfach nicht nur mit Junkfood vollstopfen, dann kauft man viel Obst und Gemüse … stimmt, ist wahnsinnig teuer und aufwendig. Duh …

Es geht der Autorin aber nicht nur um den finanziellen, sondern auch den zeitlichen Aspekt:

„Denn die Beschränkung auf ein paar erlesene Besitztümer erfordert neben dem Eigenkapital eben auch Pflege, um die Makellosigkeit zu erhalten.“

Vorher ist sie nämlich darauf eingegangen, dass auf einem arschteuren Boden, die Kinder nicht mehr rumkritzeln dürfen und Weingläser eben mit Untersetzer benutzt werden müssen, damit es keine Ränder im Holz gibt.

Nennt mich snobby, aber ich möchte auch auf meinem Laminat keine Kunstwerke von Kinderhand finden und keine Glasränder auf dem Tisch von IKEA haben. Ich gehe einfach mal davon aus, dass auch – und gerade! – Menschen, die auf ihr Geld schauen müssen, wollen dass ihr Möbel lange halten, egal ob sie billig waren oder teuer. Denn ständig neu kaufen, ist in jedem Fall die schlechtere Variante.

Das große Loslösen

Wenn wir nun MinimalistInnen werden wollen, was tun wir dann als erstes? Richtig, wir entsorgen ALLES, was wir nicht mehr haben wollen auf dem Müll!

„Minimalisten predigen, sich von Dingen zu lösen. Aber Menschen halten nicht an Dingen fest, weil sie ein Messieproblem haben. Sie können es sich schlicht nicht leisten, etwas einfach zu entsorgen, weil es den Blick beim Schweifen stört.“

Dinge achtlos wegzuwerfen hat nichts mit Minimalismus und erst recht nichts mit Nachhaltigkeit zu tun, ich denke, das sollte jedem klar sein. Und natürlich besitzen Großfamilien mehr als ein Single-Haushalt und natürlich wirft man das Kinderspielzeug nicht weg, wenn der kleine Bruder noch damit spielen kann: DAS ist Minimalismus, genau SO funktioniert es doch.

„So ist der beste Minimalismus am Ende jener, der sich mit minimalem Budget erreichen lässt. Nichtkaufen ist immer nachhaltiger als Kaufen und der sinnvollste, nachhaltigste Minimalismus entsteht deshalb in Haushalten von Gering- und Durchschnittsverdienern. Dadurch, dass sie weniger wegwerfen.“

Und dann sagt sie es selbst … Der Autorin ist also durchaus klar, was Minimalismus ist und was nicht. Dann verstehe ich die ganze Aufregung nicht so wirklich.

Minimalismus im Alltag – No way!

Sie geht dann gegen Ende noch darauf ein, wie wenig Minimalismus im alltäglichen Leben eines Otto-Normal-Verbrauchers funktionieren kann. Und da möchte ich gerne das Beispiel der Kleidung rauspicken, es gibt aber sicherlich auch für andere Bereiche tolle Gegenbeispiele.

„Kleiderschränke, die aufgrund ihrer begrenzten Klamottenanzahl nur noch Capsule Wardrobes heißen, funktionieren aber nicht in der Welt einer Mutter mit Schulkindern, die morgens um sechs Uhr nach dem nächsten Kleidungsstück neben ihrem Bett greift.“

Im Gegenteil. Das kann sogar sehr gut funktionieren, vielleicht sogar besser, weil weniger Überforderung beim Blick in den Kleiderschrank. Wie gehen mal davon aus, dass es der Mutter nicht automatisch egal ist, wie sie aussieht, nur weil sie Mutter und nur weil es sechs Uhr morgens ist. Wer das nicht glaubt, sollte mal bei @trend.detox auf instagram vorbeischauen. Regine ist Mutte von drei Kindern, immer top gestyled und bringt ihren FollowerInnen das Prinzip der Capsule Wardrobe näher.

Echter und falscher Minimalismus

Das Fazit des Artikel lautet wie folgt:

„Minimalismus ist am Ende deshalb zu einer Illusion verkommen, zu einem theoretischen Konzept für Architekturzeitschriften und Netflix-Dokuserien – als langweiliges Konstrukt ohne tieferen Sinn, das reiche Menschen für sich beanspruchen.“

Ich verstehe durchaus die Kritik, die die Autorin hier übt. Reiche Menschen behaupten von sich Minimalisten zu sein, sind dabei aber keinesfalls nachhaltig und nutzen den „Trend Minimalismus“ zur Selbstdarstellung. Die wahren Minimalisten sind z.B. Großfamilien, die jeden Cent umdrehen müssen und daher kreativ werden und nachhaltiger leben – da sind wir uns einig.

Mein Problem mit dem Artikel liegt darin, dass die Autorin in ihrem Ärger über die snobistischen Trend-Minimalisten selbst ziemlich versnobbt rüberkommt. Indem sie nämlich auf diejenigen herabschaut, bei denen sie es wiederum anprangert, dass sie auf andere herabschauen – aus welchen Gründen auch immer.

Und außerdem: wieso so darüber aufregen? Ist es am Ende nicht egal, wie sich jede einzelne Gruppe betitelt solange es Menschen gibt, die den Minimalismus einfach leben – aus der Not heraus, um bewusster und nachhaltiger zu konsumieren oder meinetwegen auch einfach wegen eines Trends. Minimalismus ist meiner Meinung nach ein guter Trend und seine Verbreitung wünschenswert.

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6 Kommentare

  1. Another interesting article.

    For us (my family and I), minimalism is, as you said, about getting the best out of my money and not wasting any.
    I don’t think that rich people can say they are minimalist because they spend so much money on things they don’t need and then they never use those things anymore.

  2. Man muss es sich nicht leisten können, sondern wollen. Wer nicht bereit ist Dinge mit Achtung zu behandeln, wird Minimalismus nicht leben können. Es ist ein Märchen, dass der Gering- und Durchschnittsverdiener weniger wegwerfen würde, das Gegenteil ist der Fall.
    Alles Liebe
    Annette

  3. Finde es super, dass du dich dem Artikel kritisch gegenüber äußerst. Ich finde, dass Minimalismus keine Utopie ist und finde es auch in Ordnung, wenn man in Teilen minimalistisch lebt. Das sagst du ja auch. Kleinvieh macht ja bekanntlich auch Mist 😀

  4. Dank unserer Renovierungsaktion Anfang des Jahres habe ich mich von vielen Dingen getrennt. Man glaubt gar nicht, was sich so über die Jahre alles ansammelt. Minimalistisch will ich trotzdem nicht leben, es gibt so viele Dinge, an denen mein Herz hängt. Auch viele alte Bücher und ich hab mir sogar vorgenommen, einen Großteil davon noch mal zu lesen!

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Minimalismus als Konstrukt – du ganz ehrlich, es gab Zeiten, da habe ich keinen Pfennig verdient, also musste ich minimalistisch leben was sollte ich anderes tun? Während meine gut verdienenden Freunde sich alles leisten konnten, was sie wollten. Sobald ich auch nur irgendeinen Pfennig Geld in der Hand hatte, habe ich ihn ausgegeben, weil ich sooo große Herzens-Wünsche hatte und mein Herz sich so sehr gewünscht hat endlich Geld in den Händen zu halten. Minimalismus in meinen Augen tatsächlich nur was für gelangweilte Reiche, ganz ehrlich, liebe Grüße Bettina

  5. Naja, ist halt gerade in Trendthema, da muss dann natürlich auch „kritisch“ etwas dazu geschrieben werden… Ich finde es immer bedenklich, wenn etwas „exzessiv“ betrieben wird. Ich bin eher für das gesunde Mittel. 😉

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