Ein Brief an mein 15-jähriges Ich

Brief

Liebe Anika (vor 10 Jahren),

du bist gerade 15 Jahre alt und gerade zum ersten Mal am strugglen mit deinem Leben. Wer bist du eigentlich? Wo willst du hin? Was erwartest du von deinem Leben, von den Menschen, mit denen du es teilst? Es ist noch nicht so lange her, dass du lernen musstest, dass Freundschaften nicht für immer halten und dass du zum ersten Mal erlebt hast, wie sich Menschen ganz bewusst von dir abwenden. Das war scheiße, ja. Aber es gehört zum Leben und zum Erwachsenwerden dazu und heute verrate ich dir was: Bei manchen Freundschaften ist es gut, dass sie enden. Selbst wenn es in dem Moment schmerzt.

Du wärst gerne cooler, ich weiß. Du gehörst zwar nicht zur Unterschicht an der Schule, über die sich immer alle lustig machen, die sogar gemobbt wird. Aber zu den coolen Kids gehörst du eben auch nicht. Spoiler: Du wirst nie zu den coolen Kids gehören. Und das Gefühl, dass irgendwas mit dir nicht stimmt, wird dich auch noch ein paar Jahre begleiten. Aber irgendwann wirst du verstehen, dass es so viel Wichtigeres gibt, als „cool“ zu sein. Denn objektiv betrachtet, wie cool sind diese Typen denn wirklich? Jedes Wochenende auf einer Party zu sein, sich betrinken und montags damit prahlen, wie dicht man wieder war. In der Schule immer in der letzten Reihe sitzen und sich höchstens mal für blöde Kommentare zu Wort melden. Über andere, die nicht zu diesem ausgewählten Kreis zählen, lachen. Willst du das wirklich? Nein. Aber es ist ok, dass du das jetzt noch nicht verstanden hast.

Statt Oberflächlichkeiten sind dir tiefergehende Beziehungen zu anderen Menschen viel wichtiger. Deswegen ist dein Freundeskreis zwar sehr überschaubar, aber dafür fühlst du dich wohl damit. Selbst wenn – und das ist der Wehrmutstropfen – auch diese Freundschaften nicht über die Schulzeit hinaus überleben werden.

Jetzt eine schöne Nachricht: In ein paar Monaten wirst du deine erste große Liebe treffen. Und es wird nicht alles perfekt sein – mein Gott, das wird es nie. Aber du wirst in dieser Zeit sehr viel über dich selbst lernen, über die Ansprüche, die du an eine romantische Beziehung und an einen Partner stellst. Es wird nicht halten, weil ihr erwachsen werdet und einfach komplett unterschiedliche Vorstellungen vom Leben habt. So wie das eben meistens ist.
Und dann wirst du dich wieder verlieben. Du wirst verletzt werden und leider wirst du auch andere verletzen. Aber Entscheidungen müssen gefällt werden und dabei lernst du letztendlich, dass du dich für die Liebe nicht komplett aufopfern kannst. Dass du auch mal egoistisch sein darfst, ja sogar sein musst, wenn du glücklich werden willst.

Und zum glücklich werden gehört auch dazu, dass du deinen Weg gehst. Dein Abi wird ganz ok, aber sind wir mal ehrlich, wenn du nicht so faul wärst, hätten wir da viel mehr reißen können. Kein Vorwurf. Aber mit dem älter werden kommt auch die Motivation wieder. Du fängst an zu studieren und beide deiner Abschluss-Arbeiten, Bachelor und Master, werden sehr gut ausfallen. Du würdest das später gerne deiner Lehrerin vom Deutsch-LK unter die Nase reiben, die dich immer nur mittelmäßig bewertet hat – und damit einiges zu deinem Abischnitt beigetragen hat. Aber die Gelegenheit ergibt sich nicht. Auch nicht schlimm, denn du weißt, was du kannst und sie hat dich bestimmt sowieso schon vergessen.

In zwei Tagen werden wir 25. Du weißt es noch nicht, aber in den nächsten 10 Jahren werden dir viele tolle Sachen passieren. Du wirst tolle Menschen treffen und du wirst so viel lernen. Du wirst dich selbst finden und endlich begreifen, was deine Werte und Vorstellungen vom Leben sind. Ich sage nicht, dass dieser Prozess irgendwann abgeschlossen ist, ganz bestimmt nicht. Aber du wirst nicht für immer in so vielen Unsicherheiten schwimmen wie jetzt gerade noch.

Alles wird gut.

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5 Kommentare zu „Ein Brief an mein 15-jähriges Ich“

  1. Ein sehr schöner Brief. Vor allem sehr weise. Wenn ich mir einen Brief schreiben würde, dann würde ich schon allein sagen „Genieß die Zeit mit deinem Freund mehr. Ihr werdet euch trennen und du wirst 8 Jahre + Allein sein. Geh niemals in Seesen ins Krankenhaus, lass das einfach weil es nicht gut geht.“
    Ok ich müsste wohl eine Warnung statt einen Brief schreiben.
    Aber allein die Idee ist so schön.

    xoxo

  2. Ein sehr schöner Beitrag! Ich habe zwischenzeitlich überlegt, was ich meinem 15jährigen Ich geschrieben hätte. Ich glaube, einige Themen würde ich auslassen. Wie bei Vanessa müssten da ein paar Warnungen rein 😉 Lass dich nicht auf den ein, nimm diese Ausbildung nicht an, … so in der Art!

    Liebe Grüße
    Jana

  3. Hallo Anika ,
    ich finde diesem Brief an dein 15 jähriges Ich sehr gelungen. Was für eine schöne Idee wie du ihm die Zukunft ausmalst. Letztendlich nutzt du da eine Technik ,wie man sich Ziele im Leben setzt: Das andere wäre, du malst dir aus, du bist Großmutter, sitzt im Lehnstuhl und schaust auf dein gesamtes Leben zurück. Was wohl aus dem was du in deinem Brief beschreibst wahr wird? Ganz toll finde ich auch die Erkenntnis, dass die Lehrer, die uns in der Schule weh tun, uns in Wirklichkeit bald vergessen haben und dass die Noten, die sie uns geben, eigentlich belanglos sind. Sie sagen Nichts über uns als Mensch aus. Genauso wie du beschreibst, dass es dir egal ist, dass du nicht zu den Heros aus deiner Klasse gehörst – auch das zählt im späteren Leben nicht mehr, wichtig ist doch lediglich, dass wir glücklich sind.
    Herzlichen Gruß
    Bettina

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