Es muss Ende Februar gewesen sein, als ich zum ersten Mal von diesem ominösen Virus hörte. Aber das war in China, so weit weg von meiner eigenen Realität, dass ich dem keine große Bedeutung beigemessen habe. Schon komisch, dass wir in einer so vernetzten Welt Leben – im Zeitalter der Globalisierung –, aber es uns trotzdem so wenig kümmern kann, was an ihrem anderen Ende passiert.

Bald sah ich im Supermarkt die ersten Menschen mit Masken einkaufen und dachte mir so: Naja, man kann es auch übertreiben. Alles Hypochonder, ist doch nicht schlimmer als eine Grippe. Und ich weiß, dass ich mit dieser Meinung nicht alleine war. Und dann kamen die Nachrichten aus Italien.

Und kurze Zeit später schnellten auch hier die Fallzahlen in die Höhe, was mir dann doch ein mulmiges Gefühl machte. Anfang März bin ich noch unbeschwert in den Zug gestiegen und 400km durch Deutschland gefahren, um meine Familie zu besuchen. Drei Tage später auf dem Rückweg war ich schon nicht mehr so unbeschwert. Denn obwohl ich beim Abschied noch sagte: Dann bis Ostern!, war mir irgendwie klar, dass es sehr viel länger dauern würde, bis wir uns wieder sehen.

Auf einmal ging alles so schnell. Veranstaltungen wurden abgesagt, erst ab 1000, dann ab 100 Personen und schließlich einfach komplett. Schulen geschlossen, Restaurants und Bars geschlossen, Geschäfte geschlossen. Das soziale Leben gefühlt von einem auf den anderen Tag lahmgelegt.

Ich war und bin in der privilegierten Situation, dass sich mein persönlicher und mein Arbeitsalltag kaum verändert hat durch all das. Dennoch waren die letzten Wochen oft anstrengend. Anfangs war da dieser Drang mehrmals täglich die Nachrichten zu checken, die neuesten Zahlen und Entwicklungen zu kennen. Welche neuen Einschränkungen gibt es? Haben wir schon neue Erkenntnisse, wie man das Virus bekämpfen kann?
Aber schon nach kurzer Zeit war mir klar, das funktioniert nicht. Jedes Mal, wenn ich mein Handy wieder zur Seite legte, war meine Laune schlechter. Und das Gefühl des Weltschmerzes, das für mich absolut nichts Neues ist, war erdrückender denn je. Ich machte mir Sorgen um meine Liebsten, aber auch um die Menschheit an sich. Wieso gibt es immer noch Menschen, die so ignorant und egoistisch sind und sich nicht an die Maßnahmen halten? Wieso vergessen wir bei dieser Krise wieder so viele? Kleine Unternehmen, Selbstständige, Künstler, Familien? (Wie gesagt, ich bin in einer absolut privilegierten Situation und ich habe nichts als Respekt für Eltern, die gerade Home Office, Kinderbetreuung und Unterricht irgendwie unter einen Hut kriegen müssen, ohne wahnsinnig zu werden.)
Und außerdem: Europas Außengrenzen. Ja, die meisten haben schon lange vorher die Augen verschlossen, vor dem, was da passiert, aber jetzt verschließen wir nicht einmal mehr die Augen, sondern wir drehen uns halt weg: Ist nicht mein Problem, ich hab gerade wichtigere Sorgen.

Weltschmerz ist ein „Gefühl der Trauer und schmerzhaft empfundener Melancholie, das jemand über seine eigene Unzulänglichkeit empfindet, die er zugleich als Teil der Unzulänglichkeit der Welt, der bestehenden Verhältnisse betrachtet.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Weltschmerz

Und genau dieses Gefühl überrollte mich jedes Mal, wenn ich mein Handy in die Hand nahm, um die Nachrichten zu checken. Und dazu kam die fehlende Möglichkeit der Ablenkung. Einfach irgendwo hingehen und abschalten war und ist nicht drin. Mich zu Hause mit irgendwas zu beschäftigen, lesen, malen, Serien schauen, klappte nur so mittelmäßig.
Ich habe die Maßnahmen immer befürwortet. Aber das Gefühl des Eingesperrt-Seins stellte sich trotzdem unweigerlich ein.

Gleichzeitig hatte ich aber immer das Gefühl, nicht in der Position zu sein, jammern zu dürfen. Es gibt so viele, die es viel, viel härter getroffen hat. Wie oben schon gesagt, bin ich in einer privilegierten Situation – wer bin ich, dass ich mich beklagen darf?

Aber objektiv betrachtet: Nur weil, es anderen auch schlecht geht oder sogar schlechter, heißt das ja nicht, dass es mir automatisch besser geht. Also habe ich begonnen, meine Gefühle zu akzeptieren – und gezielt Bewältigungsmechanismen zu finden.

Sport und Bewegung an der frischen Luft

Regelmäßige Bewegung und vor allem wenigstens einmal am Tag das Haus verlassen, um ein bisschen frische Luft zu tanken, hebt meine Laune enorm. Es ist schon was dran, dass Sport Endorphine ausschüttet. Ich habe vor ein paar Wochen sogar wieder angefangen, zu joggen – und wer mich kennt, weiß, dass ich das eigentlich immer gehasst habe. Aber gerade tut es mir sehr gut. Genauso wie Homeworkouts und ausgiebige Yoga-Sessions.

Kochen und Backen

Kuchen oder Brot backen, ein neues Rezept ausprobieren oder das Lieblingsrezept mal wieder kochen – in der Küche habe ich das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle zu haben und beeinflussen zu können.

Weinen

Wenn die Gefühle zu viel werden – und das passiert immer noch sehr häufig –, dann lasse ich sie zu. Mich einmal ordentlich auszuweinen und alles rauszulassen, hilft total. Danach geht es mir meistens (wenigstens ein bisschen) besser.

Schreiben

Ganz oft habe ich das Gefühl, dass die Gedanken in meinen Kopf keine Ruhe geben können und dass ein und der selbe Gedanke immer und immer wieder seine Runden dreht. Dann schreibe ich diesen Gedanken auf. Und damit ist er aus meinem Kopf raus. Also wer auch dieses Problem hat, vielleicht probiert ihr das auch mal aus.


Es ist noch nicht vorbei

Auch wenn wir gerade wieder alle versuchen in das normale Leben zurückzukehren – es ist noch nicht vorbei, da bin ich mir ziemlich sicher. Erstens finde ich nicht, dass wir überhaupt wieder zu dem „normal“ zurückkehren sollten, das wir vorher hatten. Denn unser Verhalten und unser Umgang mit unserer (Um)Welt hat uns überhaupt erst in diese Situation gebracht. Ich hoffe inständig, dass wir etwas aus dieser Erfahrung lernen werden.
Zweitens betrachte ich die Lockerungen mit Sorgen. Ja, auch ich werde demnächst mal wieder ein Restaurant besuchen. Denn das kann ich gerade tun, um andere zu unterstützen. Und uns gegenseitig zu unterstützen, ist wohl das Wichtigste im Moment. Aber ich habe Bedenken, dass wir zu früh wieder zu leichtsinnig werden, sodass in ein paar Wochen wieder alles von vorne los geht – und das will niemand von uns.

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1 Kommentar

  1. Klingt sehr glaubwürdig.
    Teile deines Empfindens kenne ich auch.
    Ich habe als „Mittel dagegen“ oder „Mittel dafür“ noch Malen/Kunst entdeckt.
    VG

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