„Sag doch mal was!“

Florales

Introversion und was es bedeutet

Ich bin ein introvertierter Mensch. So wie rund 50% der restlichen Menschheit. Und obwohl wir wahrscheinlich genauso viele sind wie die Extrovertierten, werden wir oft missverstanden oder nicht so richtig wahrgenommen.

Aber was heißt Introversion eigentlich? Fragen wir mal Wikipedia:

„Introvertierte Charaktere wenden ihre Aufmerksamkeit und Energie stärker auf ihr Innenleben. In Gruppen neigen sie eher zum passiven Beobachten als zum Handeln und werden häufig als still, zurückhaltend und ruhig beschrieben. Introversion ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Schüchternheit. […]

Ein markanter Unterschied zwischen introvertierten und extravertierten Personen ist, dass sich der Introvertierte nach längerer Dauer ohne Zeit für sich selbst im Gegensatz zum Extravertierten energielos und ausgesogen fühlt. Daher bevorzugen introvertiert geprägte Menschen oft eine ruhige Umgebung […]. Oft nutzen Introvertierte auch ihre Wochenenden und ihre Freizeit, um sich zu erholen, indem sie je nach Möglichkeit so viel Zeit wie möglich allein oder mit engen Freunden und Bekannten verbringen. […]“

Na, wer hat sich wiedererkannt?

Nach diesem „theoretischen“ Teil, möchte ich euch aber auch gerne ein bisschen an meinen persönlichen Erfahrungen teilhaben lassen. Manche haben vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht, anderen, die nicht so ticken, hilft es vielleicht uns introvertierte Menschen besser zu verstehen.

Dinge, die mich glücklich machen: Bibliotheken, denn hier gibt es 1. Bücher und 2. halten alle ihre Klappe.

Wie Wikipedia bereits erklärt hat, empfinde ich große Gruppen und Menschenmengen eher als anstrengend. Ein Abend unter drei, vier guten Freunden, zu Hause oder in einem Restaurant kann sehr schön sein, aber auf vollen Partys halte ich es meistens nicht länger als zwei bis drei Stunden aus. Und dann frage ich mich immer, ab welcher Uhrzeit es gesellschaftlich akzeptiert ist, schon nach Hause zu gehen. Aber es raubt mir tatsächlich schrecklich viel Energie mich mit vielen Menschen umgeben zu müssen und mich „sozial“ zu verhalten. Auch, weil auf solchen Veranstaltungen immer Smalltalk gemacht wird. Ich hasse Smalltack! Es gibt nichts sinnloseres als dieses zu nichts führende: „Na, wie geht’s?“ – „Gut und selbst?“ – „Ja, alles bestens. Was macht die Arbeit/Uni/Schule?“ – „Läuft super. Und sonst so, was gibt’s Neues?“ – … Es nervt einfach. Ich führe wirklich gerne ernsthafte, tiefgründige oder auch amüsante Gespräche. Aber das geht eben meistens nicht auf Partys, auf denen so viele Menschen sind, weil man viele von denen dann gar nicht wirklich kennt oder weil ständig jemand dazwischen kommt. Deswegen bin ich eher für kleine Runden. (Korrigiert mich, wenn ich das falsch sehe. Vielleicht war ich bisher auch nur auf den falschen Partys, alles möglich.)

 

Aber tatsächlich bin ich auch sehr gerne allein und kann das auch sehr gut. Das war eigentlich schon immer so, während andere rund um die Uhr von ihren Eltern bespaßt werden mussten, hab ich still und leise in meinem Zimmer gesessen und mich selbst beschäftigt.

Und heute – wo ich älter bin und es zum „Erwachsensein“ ja irgendwie dazu gehört, sich sozial zu verhalten und ab und an mit Menschen zu umgeben – brauche ich diese Zeit für mich ganz allein einfach, um meine Akkus wieder aufzuladen, um neue Energie zu tanken.

Während andere Party machen: Serienmarathon am Samstagabend

Ich bin ein großer Freund von Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit. Trotzdem wünsche ich mir, dass es mehr Menschen gäbe, die ein „Ich hab heute keine Lust“ als adäquaten Grund annehmen, um eine Verabredung oder Einladung abzusagen. Damit meine ich natürlich Freizeit-Verabredungen! Zu seinem Chef morgens zu sagen, man habe heute einfach keine Lust zu arbeiten, ist wahrscheinlich keine so tolle Idee. Aber wenn ich z.B. einen wirklich anstrengenden Tag in der Uni, auf der Arbeit oder sonst wo hinter mir habe, dann möchte ich abends einfach in mein Bett fallen mit einem guten Buch oder einer Serie und keine soziale Interaktion mehr haben. Der Andere hätte auch wirklich keinen Spaß mit mir, wenn ich nur aus Pflichtgefühl mitgehe. Und freundschaftliche Treffen sollten sich ja auch nicht wie Businessmeetings anfühlen oder?

 

 

 

Eine andere Sache, die mir so oft passiert und irgendwann so sehr nervt ist folgende: Man steht in einer Gruppe zusammen, es sind ein paar Leute dabei, die ich nicht so gut kenne – bzw. sie mich auch nicht – man unterhält sich. Früher oder später kommt eine oder mehrere der folgenden Aussagen: „Du redest so wenig, sag doch mal was.“, „Bist du nicht gut drauf? Du bist so ruhig.“, „Bist bisschen schüchtern, oder?“

Jeder, der mich besser kennt, kann bestätigen: wenn ich will, kann ich reden ohne Ende. Das passiert aber tatsächlich nur bei Leuten, die ich gut kenne und einschätzen kann. (Unter anderem auch deswegen, weil mein Humor manchmal ein bisschen fragwürdig ist und viele Leute davon abgeschreckt sind.) Bei „Fremden“ bin ich immer erstmal etwas zurückhaltender. Ich höre immer erstmal lieber nur zu, um mir ein Bild von den Leuten zu machen und wenn ich der Meinung bin, ich kann was zum Gespräch beitragen, tu ich das auch. Wenn ich aber gerade nichts zu sagen habe, dann plappere ich nicht einfach drauf los. Was hätte das auch für einen Sinn? Und das hat auch nichts mit Schüchternheit zu tun. Zwar war  ich früher als Kind sehr schüchtern, ich habe aber in den letzten Jahren denke ich ein gutes Selbstbewusstsein aufgebaut und ich schäme mich nicht in einer Gruppe was zu sagen oder habe Angst davor – ich will nur einfach nicht. Ich bin nicht schlecht drauf, ich kann dich auch nicht nicht leiden, ich bin nicht gelangweilt. Ich höre einfach nur zu.

 

 

Alleine spazieren gehen, auch etwas, das ich in den letzten paar Jahren sehr zu schätzen gelernt habe.

Die liebe Kay hat auf ihrem Blog twistheadcats ebenfalls einen Beitrag zu diesem Thema geschrieben. Schaut doch auch bei ihr mal vorbei.

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann teile ihn mit der Welt!

5 Kommentare zu „„Sag doch mal was!““

    1. Vielen Dank dir!
      Nur flüchtig, quasi im Vorbeigehen. Von dem, was ich bisher darüber gelesen habe, würde ich mich selbst auch nicht als hochsensibel bezeichnen. Aber auf jeden Fall ein interessantes Thema, in das ich mich bestimmt mal noch weiter einlesen werde.

  1. Sehr toller Beitrag! Vor allem der Satz „Und freundschaftliche Treffen sollten sich ja auch nicht wie Businessmeetings anfühlen oder?“ gefällt mir gut und unterschreibe ich sofort!
    Manche verstehen das aber gar nicht und finden es scheinbar besser, wenn man ein schlechtes, als gar kein Treffen hat. :/

    Liebe Grüße aus Berlin,
    http://www.ChristinaKey.com

  2. „wenn ich will, kann ich reden ohne Ende. Das passiert aber tatsächlich nur bei Leuten, die ich gut kenne und einschätzen kann. (Unter anderem auch deswegen, weil mein Humor manchmal ein bisschen fragwürdig ist und viele Leute davon abgeschreckt sind.) Bei „Fremden“ bin ich immer erstmal etwas zurückhaltender. Ich höre immer erstmal lieber nur zu, um mir ein Bild von den Leuten zu machen und wenn ich der Meinung bin, ich kann was zum Gespräch beitragen, tu ich das auch. Wenn ich aber gerade nichts zu sagen habe, dann plappere ich nicht einfach drauf los.“

    Dieser Textabschnitt beschreibt mich auch zu 110 % 😀 Ich glaube persönlich auch, dass die ganze Gesellschaft besser dran wäre, wenn viele anstatt ihre unqualifizierte Meinung rauszuposaunen, den Fokus lieber mal aufs Zuhören lenken würden. Konversationen entstehen heutzutage ja leider zum Großteil nur, weil sich die Leute selbst gerne reden hören und nicht um etwas vom Gesprächspartner zu erfahren oder zu lernen. Wenn man aus diesem Raster fällt, wird man gleich als schüchtern abgestempelt, was dann widerum als eine Schwäche angesehen wird.

    „Je stiller du wirst, umso mehr kannst du hören.“ – Ram Dass

    LG Andre

    https://www.mindeed.de/blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.