Studium Theaterwissenschaft

Wenn mich Leute fragen, was ich studiere, und ich ihnen dann erkläre, dass ich meinen Bachelor in Germanistik abgeschlossen habe und jetzt einen Master in Theaterwissenschaft mache, schaue ich meistens erstmal in ratlose Gesichter. Zwei Fragen kommen dann in der Regel sofort:

  1. Was lernt man da?
  2. Was macht man später damit?

Eine dritte – bzw. vierte – Frage steht dann aber oft unausgesprochen im Raum, die nie jemand direkt stellen würde, die ich den meisten Leuten aber vom Gesicht ablesen kann: „Wozu braucht man sowas denn überhaupt? Wieso lernst du nichts Vernünftiges?“

Diese drei Fragen werde ich in diesem Beitrag versuchen, zufriedenstellend zu beantworten. Ja, alle drei.

 

Was lernt man in einem theaterwissenschaftlichen Studium?

Da in der breiten Masse tatsächlich wenig Menschen direkte Berührungspunkte mit dem Theater haben, denken viele als erstes ans Schauspiel. Wer mich kennt, weiß, dass es ungefähr das Letzte wäre, was ich freiwillig tun würde, mich auf eine Bühne zu stellen und vor Publikum zu spielen.

Was lernt man also, wenn nicht schauspielern? Unser Fach ist eigentlich sehr weit gefächert, weiter, als die meisten vermuten würden. Wir lernen zum einen Theatergeschichte: welche Traditionen gibt es? Wann haben Menschen angefangen, Theater zu spielen? Wie haben sich Schauspiel- oder Bühnentechniken seit den Anfängen verändert? Welche Theaterformen gibt es noch in anderen Kulturen?

Außerdem lernen wir natürlich etwas über Theorien. Ich werde hier kein Namedropping betreiben, weil das die wenigsten interessiert, aber es geht in den Unterrichtsinhalten um große Namen der Theatergeschichte, die verschiedene Theorien aufgestellt haben, nach welchen Maßstäben Theater stattfinden sollte. Dementsprechend hängen Theatergeschichte und die Beschäftigung mit den verschiedenen Theorien natürlich auch eng zusammen.

Es geht aber auch ganz konkret darum, wie man sich Inszenierungen anschaut, wie man sie in ihre verschiedenen Bestandteile zerlegen und analysieren kann. Hier geht es also weg von Texten und Büchern und es wird erst richtig spaßig – oder verwirrend vor allem bei der Beschäftigung mit zeitgenössischem Theater. Theatrale Inszenierungen bestehen einfach aus so vielen verschiedenen Elementen, dass ich persönlich es wahnsinnig spannend finde, diese Einzelteile auseinanderzunehmen.

Und es wird noch praktischer. Ich weiß nicht, wie andere Unis das handhaben, bei uns jedenfalls gibt es einen großen praktischen Anteil. Das heißt zum einen, dass wir Schreibkompetenz jenseits des Wissenschaftlichen lernen. Also beispielsweise Kritiken verfassen oder eigene Szenen oder kleine Stücke schreiben.

Zum anderen – und damit sind wir wieder beim Anfang – haben wir die Möglichkeit in einem Seminar unsere Schauspielfähigkeiten zu erproben. Das habe ich noch vor mir und hab mich immer noch nicht entschieden, ob ich mich darauf freue oder Angst davor habe.

 

Was macht man später damit?

Es gibt unzählige Berufe in und am Theater, die nichts mit Schauspiel zu tun haben. Wir werden an der Uni wohl nicht dafür ausgebildet, um Bühnen- oder Kostümbildner zu werden, aber dennoch gibt es einige Möglichkeiten. Kurz gefasst erkläre ich Leuten, die mich danach fragen immer, dass das Studium auf eine „künstlerische Leitungsposition“ hinführen soll. Das ist natürlich immer noch sehr vage, zugegeben. Darunter fällt zum Beispiel die Intendanz eines Theaters (in der Wirtschaft würde man vermutlich CEO sagen) oder Dramaturgie. Letzteres ist bisher mein zukünftiger Plan. Die Arbeitsbereiche eines Dramaturgen sind je nach Größe des Hauses unterschiedlich breit gefächert. Grundsätzlich ist ein Dramaturg aber ein Textmensch. Er schreibt Programme, Begleithefte, manchmal auch Pressemitteilungen. Er recherchiert Hintergrundinformationen zu Stücken, ist beteiligt an der Überarbeitung der Texte für Inszenierungen und und und … In meinem Kopf aktuell genau das, worauf ich Lust habe. Ob sich das bewahrheitet, werde ich im Sommer rausfinden, wenn ich ein Praktikum in diesem Bereich mache.

Abgesehen von diesen „künstlerischen Leitungspositionen“, wie ich sie nenne, gibt es aber auch noch andere Berufsfelder. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Kritiker, Kulturmanagement, Festivalorganisation … mit ein bisschen Fantasie kann man in eigentlich jedem kulturellen Bereich Fuß fassen.

 

Wieso lernst du nichts Vernünftiges?

Naja, die simple Antwort hierauf ist: „Weil ich das, was vom Gros der Gesellschaft als ‚sinnvoll‘ angesehen wird, einfach nicht kann, nicht verstehe oder schlicht langweilig finde.“ Ich kann kein Ingenieurwesen studieren, weil ich eine technische Niete bin. Ich will kein Jura studieren, weil ich keine Lust habe, ewig Paragraphen auswendig zu lernen. Ich habe null ökonomisches Verständnis und wäre in BWL daher vollkommen aufgeschmissen. Ich habe mein Studium aufgrund des einen simplen Aspekts gewählt, dass es mir Spaß macht. Nicht danach, wie viel Geld ich später verdienen kann, nicht danach, wie hoch die Jobchancen sind. Wenn ich daran denke, dass ich diesen Job (welcher es dann auch immer sein wird) aller Wahrscheinlichkeit nach für den Rest meines Lebens ausüben werde, will ich mich nicht jeden Morgen quälen müssen, aufzustehen. Das ist das Eine.

Das Andere ist, dass Theater oder Kultur im Allgemeinen meiner Meinung nach nichts „Sinnloses“ oder „nicht Vernünftiges“ ist. Kultur ist ein gesellschaftliches Allgemeingut und deswegen wichtig.

Theater kann Gesellschaften einen Spiegel vorhalten, sie kritisieren, sie an den Pranger stellen. Es ist aber auch Unterhaltung (ich gebe zu, dass viele Theatermenschen das oft vergessen, aber ich denke, das ist elementar, wenn wir die Menschen nicht verschrecken wollen), Auszeit vom Alltag, ein gemeinsames und gleichzeitig doch individuelles Erlebnis. Es ist auf jeden Fall etwas, das nicht verloren gehen darf, nur weil heutzutage alles effizient und zielorientiert sein muss. Alles muss einem Zweck dienen, einen Mehrwert bringen und am besten gleichzeitig bio, fairtrade und digital sein. Macht doch einfach mal was, weil es schön ist! Für die Ästhetik und nicht für den Profit. Ich denke, jeder von uns kann ein bisschen mehr Schönheit in seinem Leben vertragen – und wenn ich dafür sorgen kann, umso besser. 

 

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6 Kommentare zu „Studium Theaterwissenschaft“

  1. Ein spannender Einblick in ein mir vollkommen neues Gebiet. Ich habe von dem Studium gehört, aber als Naturwissenschaftlerin bin ich dort nicht so verankert.
    Ich kenne aber diese skeptischen und ketterischen Fragen, warum man genau das macht, was man macht. Ich habe Chemie studiert, weil es mir Spaß macht. Und ich finde da nichts verwerflich es dran.
    Du hast es sehr schön auf den Punkt gebracht.

    Liebe Grüße!
    Michelle | The Road Most Traveled

  2. Das klingt nach einem sehr interessanten Studiengang! Mit diesen Fragen werde wir aber in der Ethnologie auch regelmäßig konfrontiert. Solange es dir Spaß macht kann es aber auch jedem egal sein! 😉

    Lg aus Tirol!
    Roach

  3. Super Beitrag! Ich bin zu 100 % bei dir!
    Ich habe mich damals auch für ein geisteswissenschaftliches Studium entschieden, aus genau denselben Gründen wie du. Oft musste ich mir Kommentare à la „Willst du später arbeitslos werden?“ oder „Was willst du denn damit später machen?“ anhören. Fakt ist, dass ich relativ rasch nach meinem Abschluss einen Job gefunden.
    Fakt ist, dass ich absolut nichts bereue. 🙂
    Ich kann nur jedem empfehlen, das zu machen, was er/sie wirklich machen will.
    Man darf sich nur nicht beirren lassen.
    Deine Einstellung ist einfach toll! Verliere sie nie! <3
    Liebe Grüße
    Julie

  4. Sehr interessanter Einblick! Ich wusste gar, dass man dieses Gebiet studieren kann – aber man lernt immer dazu! 🙂 Ich finde es toll, dass Du einfach machst worauf Du Lust hast! Leute die Fragen „was will man später damit machen?“ haben den Knall nicht gehört. Es geht doch in erster Linie darum, dass man seine Zeit damit verbringt etwas zu machen, was einem persönlich Freude macht. Einen Job findet man sicherlich auch, nur weil viele sich nicht auskennen, müssen sie doch nicht solche Fragen stellen. =)))

    Liebe Grüße aus Berlin! ♥

    XX,
    http://www.ChristinaKey.com

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