Meine Meinung über Schubladendenken

Stadt oder Land?

Berge oder Meer?

Hochkultur oder Popkultur?

Bücherwurm oder Sportskanone?

Hiphop oder Rock?

Veganer oder Fleischfresser?

Grün-links-versifft oder Alice Weidel?

 

Menschen versuchen immer, andere Menschen zu kategorisieren und in Schubladen zu stecken. Warum tun sie das? Um Eindeutigkeit zu erzeugen. Nichts finden wir gruseliger, als wenn wir von einer Eigenschaft einer Person nicht auch auf seine anderen Eigenschaften, seine Interessen und Hobbies schließen können.

Du hörst leidenschaftlich gern Gangsterrap? Gut, dann gehst du bestimmt nicht auf die Uni, verbringst aber viel Zeit damit, dich im Fitnessstudio aufzupumpen und die meisten deiner Freunde haben Migrationshintergrund.

Du ernährst dich vegan? Dann machst du bestimmt auch Yoga, kaufst nur fair ein, fährst kein Auto, sondern Fahrrad und wählst grün. Achja und natürlich hast du das Bedürfnis alle anderen zu missionieren, weil dein Lebensstil der einzig richtige ist.

Du studierst Informatik? Dann bist du männlich, vermutlich mit Brille und Akne und hast Angst, wenn dich eine Frau anspricht. Dafür bist du der absolute Crack in allen möglichen Videospielen.

 

Ich übertreibe hier natürlich, aber ich denke, ihr wisst worauf ich hinauswill. So oft liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte zwischen all diesen Möglichkeiten, auch wenn manche Eigenschaften nicht immer offensichtlich „zueinander passen“. Ich kenne das aus eigener Erfahrung, weil ich mich in verschiedenen Freundeskreisen bewege, die alle ein anderes Bild von mir haben, weil ich mit ihnen unterschiedliche Dinge teile. Weil ich weiß, dass sie mit manchen meiner anderen Interessen nichts anfangen können.

Fitnesslifestyle oder Bücher? Für mich funktioniert die Kombination am besten.

Beispiel: Bücherwurm oder Sportskanone. Ich liebe mein Studium, ich liebe Bücher und alles, was damit zu tun hat. Zwar würde ich mich nicht als ultimative Sportskanone beschreiben, aber ja, ich brauche tatsächlich mein regelmäßiges Training. Regelmäßig heißt bei mir aktuell mindestens vier Mal pro Woche. Training heißt, ich bewege teilweise Gewichte, die schwerer sind als ich selbst, weil ich stärker werden möchte. Bewege ich mich in meiner „Fitnessclique“ ist das vollkommen normal, genauso wie es für die vollkommen normal ist, dass ich ein paar Monate Diät mache, was bei Leuten, die nicht so in der Materie drin sind, oft eher mit Unverständnis aufgenommen wird. Da erkenne ich dann oft eine gewisse – ich nenn’s mal – Irritation, weil sie mich aus einem anderen Kontext kennen und die Pole „Geisteswissenschaft“ und „Krafttraining“ scheinbar nicht zusammenpassen. Anders herum gilt natürlich meistens dasselbe.

Aber warum denn nicht? Warum soll ich denn nur meinen Kopf trainieren, aber nicht meinen Körper? Oder eben umgekehrt? Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper. Deswegen habe ich mir eine Sportart ausgesucht, die mir Spaß macht, die mich motiviert, besser zu werden und bei der ich den Kopf mal für zwei Stunden ausschalten kann, um mich danach wieder frisch an meine Bücher zu setzen.

Süßigkeiten oder ‚clean eating‘? Ich liebe sowohl Donuts als auch Obst – obwohl es bezeichnend ist, dass kein Foto von mit existiert, auf dem ich einen Apfel esse.

 

Anderes Beispiel: Veganer/Vegetarier oder Fleischfresser. Ich weiß, das ist ein heißes Eisen, das ich hier gerade anfasse, aber auch hier bewege ich mich meistens irgendwo in der Mitte. Ich habe ein moralisches Problem mit Massentierhaltung, ja. Deswegen kaufe ich selten Billigfleisch und esse sogar oft Alternativen wie Tofu oder Soja. Wenn ich meinem fleischliebenden Freund jetzt erzähle, dass ich zum Mittag Tofu hatte, schaut der mich erstmal entgeistert an und fragt: „Bist du jetzt Vegetarier?“ Entschuldigung, aber hab ich da ein Gesetz verpasst, das besagt, dass Tofu Vegetariern vorbehalten ist? Nein, die Wahrheit ist, es schmeckt mir tatsächlich einfach ziemlich gut und es ist eine gute Alternative, wenn ich mir kein Biofleisch leisten kann. Alle Vegetarier schreien jetzt auf: Dann verzichte doch ganz auf Fleisch!! … Nein. Weil ich es gerne esse. Ganz einfach. Ab und an ein guter Burger oder ein Steak – natürlich am besten, wenn ich die Herkunft nachvollziehen kann – muss einfach drin sein. Außerdem bin ich der Meinung, dass schon viel getan wäre, wenn mehr Mensch ihren Konsum einfach runterschrauben würden und bewusster darauf achten würden, was sie kaufen.

 

Popkultur oder Hochkultur? Ich bilde mich gern durch kulturelle Angebote weiter. Aber ich muss eben auch unbedingt wissen, wie es bei Grey’s Anatomy weiter geht.

Was ich mit diesen zwei Beispielen einfach verdeutlichen will, ist, dass die Welt nicht schwarz und weiß ist und genauso wenig sind es die Menschen. Die wenigsten lassen sich klar in eine Schublade stecken und wir alle haben Eigenschaften oder Interessen, die auf den ersten Blick irgendwie nicht zusammenpassen. Teenie-Highschool-Filme versuchen zwar immer wieder, uns das zu suggerieren, aber es entspricht leider nicht der Wahrheit. Das Problem ist, dass viele sich vor ihren Freunden schämen, zuzugeben, was sie noch interessiert. Oder sie reden es klein. Auch das kenne ich aus eigener Erfahrung. Um noch einmal auf das Sportthema zurückzukommen (es bietet einfach zu viele Beispiele) – es ist mir anfangs unglaublich schwergefallen, vor anderen Personen, die nicht diesen „Fitnesslifestyle“ leben, dazu zu stehen, dass ich auf Diät bin und jetzt leider kein Bier mittrinken werde, sondern Wasser. Oder wenn ich in der Mittagspause meine Tupperdose raushole, statt mir ein belegtes Brötchen zu kaufen (tut nebenbei auch was für die Figur des Geldbeutels). Aber warum denn? Was soll denn passieren?

Wenn man erklärt, warum man dieses oder jenes tut – ohne sich zu rechtfertigen! – dann weicht die Skepsis beim Gegenüber meistens schnell Akzeptanz oder sogar Interesse. So habe ich es immer wieder erlebt, wenn ich jemandem von meinem Studium erzähle, der noch nie irgendwelche Berührungspunkte mit Theater hatte (über die üblichsten Fragen gibt es übrigens auch schon einen Post.) Wenn ich ein bisschen erzähle, was ich so mache, kommen oft schnell weitere Fragen, die echtes Interesse bekunden.

Städtetrip oder Wanderurlaub in den Bergen? Ich möchte die ganze Welt sehen!

Und so gilt das für alle Hobbies oder Interessen, die ihr habt. Lasst euch nicht in Schubladen stecken, nur weil das für andere vielleicht einfacher ist. Menschen sind nun mal komplex. Und die Welt hat so viel zu bieten, dass es viel zu schade wäre, sein ganzes Leben in einer einsamen Schublade zu verbringen. Es gibt so viel, auszuprobieren, Neues zu entdecken und zu lernen. Man kann sich sehr wohl an mehr als nur einem Ort zu Hause fühlen. Sowohl wörtlich als auch metaphorisch. Also, lebt weniger in Schubladen. Versucht doch stattdessen, ein bisschen mehr in die Regale zu schauen und dort aus jeder Etage etwas herauszunehmen.

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3 Kommentare zu „Meine Meinung über Schubladendenken“

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